Im Schaffen Brigitta Heidtmanns besitzt die Beziehung der plastischen Körper und zeichnerischen Formen zur Architektur eine vorrangige Bedeutung. Drückt sich dies beispielsweise seit Langem in Objekten und Installationen aus, die Modellen ähneln – allerdings wie funktionslose Prototypen – , so schlägt Heidtmann mit ihren jüngsten Werken einen neuen Weg ein.

Die Nähe zum architektonischen Element springt jetzt weniger direkt ins Auge. Als Ausgangsmaterialien dienen ihr verschiedene Formen, die im Laufe der Zeit entstanden sind und nun, durch einen Prozess der konsequenten Überlagerung, Assoziationen an Grundrisse, Gebäudekomplexe etc. auslösen können. So entstehen Umrissformen, die eine gewisse Nähe zu architektonischen Planungen anklingen lassen, durch ihre Binnenzeichnungen allerdings wiederum mit informellen Energien aufgeladen werden.

Thomas Janzen (Kunstmuseen Krefeld) im „Kultur-Tipp“ des Krefelder Kulturportals zur Ausstellung in der Galerie Christian Fochem, 2013

 

 

Brigitta Heidtmann, REMISE

Die Krefelder Künstlerin Brigitta Heidtmann zeigt im Pavillon des Gerhard Marcks Hauses fünf einfache runde Formen. Ihre räumlichen Arbeiten entstehen aus der Zeichnung und im Fall dieser fünf Objekte kann man sich gut vorstellen, wie die Form aus Gipsplatten herausgeschnitten und dann dupliziert wurde. Im nächsten Schritt wurden diese Plattenpaare mit einem gewissen Zwischenraum zusammen montiert und dadurch entstehen Labilität oder Stabilität. Diese einfachen Körper werden in den Raum gestellt.
Der Übergang von der zweiten in die dritte Dimension ist genauso einfach wie mysteriös, da die Anzahl der visuellen Möglichkeiten – auch mit einfachen Formen – exponentiell zunimmt. Dazu kommt, dass, sobald Objekte im Raum platziert werden, auch die Position des (sich bewegenden) Betrachters Bedeutung bekommt und dann auch die Höhe der Objekte (sie sind lebensgroß) wichtig wird. Bildhauerei kann sich nicht bewegen, aber sie kann über tatsächliche oder vermeintliche Instabilität Spannung vermitteln. Mit so genannten minimalen Positionen tun sich viele Besucher in Museen schwer. Das liegt daran, dass die Kunst immer weiter von der scheinbar einfachen Erfahrung abgekoppelt wird, damit der Apparat, der zwischen Kunst und Betrachter steht, möglichst groß gehalten werden kann. Das ist schlecht für die Kunst, da sie immer stärker an Kriterien gemessen wird, die nichts mit ihr zu tun haben (und es ist schlecht für den Apparat, weil er sinnlos wird). Arbeiten wie die von Brigitta Heidtmann sind so etwas wie eine notwendige Erdung, da sie die Erfahrung des Betrachters im Raum in den Mittelpunkt stellen. Museen brauchen nicht Disco vorzutäuschen, damit Besucher in den Räumen bleiben; sie müssen vermitteln, wie wertvoll die scheinbar einfache Erfahrung vor einem minimalen Objekt ist.

Dr. Arie Hartog, Gerhard-Marcks-Haus Bremen, anlässlich der Ausstellung „Remise“ im Pavillon des Gerhard-Marcks-Hauses, 2014

Pánta rhei

Grundsätzlich sind es einfache Materialien, denen Brigitta Heidtmann ihr Augenmerk schenkt. Viele Jahre nutzt die Künstlerin beispielsweise gebrannten Ton, den sie ohne weitere Veredelungen in skulpturale Werke überträgt. Bereits 1990/91 bildet sie auf diese Weise die Formen eines Stuhles ab, um sie anschließend in einzelnen Teilen an der Wand zu präsentieren. Merkmal dieser Arbeit ist bereits Heidtmanns Interesse an der Grenze zwischen dreidimensionalem Objekt und reliefartiger bzw. flächiger Struktur, die sie später auch in der Serie der Würfelarbeiten aus Ton oder bemaltem Holz erforscht. Diese meist in Gruppen präsentierten Werke weisen entweder tatsächlich Löcher oder Schnitte in der Oberfläche auf, oder suggerieren den Eindruck von Räumlichkeit durch entsprechende schwarze Bemalung. Auch weitere Arbeiten auf bemalten hölzernen Bildträgern leben von dem Spiel unterschiedlicher Realitätsebenen, indem sie mit hölzernen Kästen, deren Oberflächen wiederum teilweise perforiert sind, kombiniert werden. Mehrfach nutzt die Künstlerin in diesem Sinne üerdies Dachlatten, die als Sammlung an die Wand gelehnt werden und dort durch ihre verschiedenen Oberflächenbehandlungen in einen offenen Dialog treten. Brigitta Heidtmann bedient sich dabei absichtlich der Wand als verbindendes Element, über das der Betrachter Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede der einzelnen Werke erkennen kann. Die Wand gleicht damit einer übergeordneten Metaebene, die zugleich Plattform ist für die Fantasie, in der sämtliche Arbeiten nach den Vorstellungen des Betrachters in neue Konstellationen gebracht werden können.

Seit Anfang 2007 verwendet Brigitta Heidtmann Gipskartonplatten aus dem Baumarkt für ihre Arbeiten. Durch den Rückgriff auf diesen im Prinzip banalen Werkstoff bleibt sie ihrer Materialverbundenheit treu, zumal die Platten, wie einst der gebrannte Ton, ohne aufwändige Veredelungen auskommen. Immer wieder finden sich auf den, mehrfach mit Holz kombinierten Objekten Konstruktionszeichnungen, die, wie auch zahlreiche Verschraubungen oder farbige Überarbeitungen, selbst gestaltgebende Funktionen innehaben. Absichtlich vermitteln die Werke dadurch den Eindruck des „Vorläufigen“, vielleicht sogar „Unfertigen“, das an jene von Widersprüchen und Gemeinsamkeiten geprägte Offenheit früherer Arbeiten anknüpft. Und auch die Präsentation der neuen Objekte in einem von Intuition gelenktem Ensemble trägt die bekannte Handschrift des Gesamtwerkes, das dabei zugleich von mehreren wesentlichen Neuerungen durchdrungen ist. So wechselt die Künstlerin konsequent von der Wand als Plattform für die Arbeiten zur Bodenfläche des Raumes, der damit die Funktion jener Metaebene übernimmt. Voraussetzung dafür ist die Konzeption eines auf Allansichtigkeit hin ausgerichteten Werkes, das vom Betrachter umschritten werden kann.

Die neuen Objekte aus Gipskarton verdeutlichen radikal eine Entwicklung im Werk von Brigitta Heidtmann. Das Material, im eigentlichen Sinne selbst als Wand zu betrachten, verliert seine dienende Funktion als Bildträger. Zugleich wird das Thema Raum und Räumlichkeit, das in den früheren Arbeiten aus Ton, Holz und Farbe mehrfach ausgelotet worden ist, akzentuiert. Konsequent modifiziert Heidtmann in diesem Kontext auch ihre Formensprache und entwickelt Arbeiten in überwiegend runder Gestalt wie Kreis, Dragée oder Hufeisen und deren Ableitungen. Einzelne Turmobjekte aus Dachlatten erinnern vage an die frühere Würfel- oder Kastenform der Werke, wobei auch hier ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Denn, wo ehemals das Holz Bildträger und zugleich als deren Rahmen dienlich war, stellt es sich jetzt in eigenständiger Funktionalität als Objekt dar.

So ist das Werk von Brigitta Heidtmann in Bewegung. Über die Jahre hinweg lassen sich immer neue Entwicklungen nachvollziehen, wobei die Künstlerin grundsätzliche Merkmale kontinuierlich vorantreibt. Entsprechend sind auch die aktuellen Objekte von einer spielerischen Leichtigkeit durchdrungen, wie sie sich im Gesamtoeuvre nachvollziehen lässt. Bei aller Authentizität und Ernsthaftigkeit scheut Heidtmann nie den Witz in ihrem Werk, der sich in schmeichelnden Formen, variationsreichen Materialien und vor allem der Möglichkeit des Betrachters, überraschende Zusammenhänge und Widersprüche zu erkennen, manifestiert. Auch der Betrachter ist in der Konfrontation mit den Arbeiten von Brigitta Heidtmann permanent in Bewegung, woraus eine jahrelange und auf Jahre hin ausgerichtete Freundschaft resultiert.

Dr. Christian Krausch, Text im Katalog „Zeichnung und Objekt“ des Kunstvereins Nümbrecht, 2007

Eine fesselnde Einheit von Objekt und Raum

(…) Die Bildträger wirken als Akzente innerhalb eines großen Ganzen. Zwar haben die einzelnen Kunstwerke eine besondere eigenständige Bedeutung; demgegenüber entsteht jedoch eine neue Bedeutung durch den wechselseitigen Zusammenhang der Wandobjekte untereinander, wobei die Wand der Galerie stets einen verbindenden Faktor darstellt. Sowohl die Bildträger als auch die Wand der Galerie – mit ihrem neuen wechselseitigen Zusammenhang – bilden während der Dauer der Ausstellung miteinander ein neues Kunstwerk. Daher tendiert ihr Werk mehr in Richtung Installation. Heidtmann richtet ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf ihre Arbeiten selbst, sondern auch auf den Raum, in dem ihre Arbeiten optimal zur Wirkung kommen. Ihrem Streben kommen die weißen, äußerst nüchternen Galeriewände hervorragend entgegen.

(…)

Die Farbschichten behalten einen transparenten Charakter; hierdurch haben die Arbeiten keine Schwere, sondern eher eine gewisse Verspieltheit. Die Darstellungen sind spontan, hell und einfach. Sie haben archaischen Charakter. (…) Man kann von äußerster Einfachheit und doch von einer fühlbaren Ausstrahlung sprechen, die vom Raum Besitz ergreift. Die strengen Formen – zuweilen mehrteilig – werden durchbrochen durch graphisch wirkende spontane Linien, die trotz ihres graphischen Charakters äußerst fühlbar und lebendig sind und daneben auch Bewegung suggerieren. Wichtig für Heidtmann ist das Zusammenspiel zwischen dem Raum, insbesondere der Wand, und dem Bildträger, daneben aber auch die sorgfältige Komposition – man kann hier von Harmonie sprechen. Trotz der Spontaneität hat alles seinen Platz, und ein Gefühl der Ruhe hält den Betrachter in seinem Bann.

Harrie Schennig zur Ausstellung in der Galerie bij de boeken, Ulft (NL) 2004 (Auszug)
Übersetzung: K.H. Rullmann 

David und Goliath

1990/91 bedient sich Brigitta Heidtmann eines einfachen hölzernen Küchenstuhls, den sie Seite für Seite in Ton abformt, um die so entstandenen einzelnen Teile nebeneinander an der Wand anzulehnen. Aus der Dreidimensionalität in die Fläche geklappt, unterliegt der Stuhl auf dieser Weise einer Transformation von der Skulptur zum Relief, das eine Allansichtigkeit des Objektes auf einen Blick erlaubt. Seiner eigentlichen Funktionalität enthoben, gewinnt der Stuhl an neuen Aussagen, wovon die des zeichnerischen Charakters Brigitta Heidtmann besonders fasziniert. Der Stuhl in seinen nebeneinandergestellten Abformungen wird zur plastischen Zeichnung und die Wand damit zum Zeichenblatt. Brigitta Heitdmanns weiteres Augenmerk gilt dieser weißen Wand, da sie es ist, die als Aktionsfläche mit den an ihr aufgereihten Objekten korrespondiert.

1999, rund acht Jahre nach der Abformung des Stuhles, ist die Einbeziehung der Wand erneut wesentlicher Bestandteil des keramischen Werkes von Brigitta Heidtmann. Von der Abbildhaftigkeit losgelöst, wie sie 1996 noch in der Abformung einiger gestapelter Europaletten für eine Ausstellung in industrieller Umgebung anzutreffen ist, bedient sich die Künstlerin klarer geometrischer Formen, die sie zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten nimmt. Vornehmlich die Gestalt eines quadratischen Kästchens und seiner rechteckigen Abwandlung wird zu mehrteiligen Objekten arrangiert, die allein schon durch die jeweilige Präsentation an der Wand an Spannung gewinnen. Hinzu kommt die differenzierte Oberflächengestaltung sowie die Materialkombination aus Ton und Holz, die den einzelnen Gruppierungen enorme Dynamik verleihen.

Jedes abgebildete Arrangement aus vier bzw. zwei einzelnen Elementen lebt von der Beziehung der jeweiligen Objekte zueinander, die unabhängig voneinander entstehen und erst durch die Gruppierung ihre spezielle Bedeutung erfahren. So findet etwa die unregelmäßige, gezeichnete Kreisform einer Arbeit ihr Pendant in vier vergleichbaren Öffnungen der zugehörigen daneben. Die tatsächliche Raumhaltigkeit des rechteckigen Objektes wiederum verliert sich dagegen in der scheinbaren Tiefe der ihm zugeordneten schwarz bemalten Arbeit. Von eins bis vier schließlich steigt die Zahl der zeichnerischen oder realen Eingriffe in der Gruppe der vier Kästchen, die allein dadurch schon einen Zusammenhang finden. Hinzu kommt das verbindende Element des Rhythmus`, der sich in allen Gruppierungen unterschiedlich nachweisen lässt. Über die erwähnte Reihung von eins bis vier hinaus, klingt er an im kreisformaufgreifenden Spiel der einen, sowie im Wechsel zwischen Raum und Schein der anderen Zweiergruppe.

Dem 1990/91 entwickelten Gedanken der Abformung folgend, bedient sich Brigitta Heidtmann bei ihren Arbeiten des Kästchens, dessen hölzerne Gestalt sie in das Material Ton überträgt. Dabei ermöglichen ihr die verschiedenen Materialien unterschiedliche Bearbeitungen der Schauflächen, die sich entweder als hölzerne Zeichenflächen geben, oder durch Kerben, Schnitte und Öffnungen im Ton strukturiert sind. Gleich ihrer einstigen Transformation des skulpturalen Objektes Stuhl über das Relief in eine der Zeichnung angenäherte Form, überträgt Brigitta Heidtmann in den Arbeiten von 1999 die Sprache der Zeichnung auf das dem üblicherweise skulptural eingesetzten Material Ton. Ein Dialog entsteht, der spannungsvoll das Wechselspiel zwischen Objekt und Zeichnung thematisiert. Sämtliche Arbeiten berichten über die überraschenden Möglichkeiten verschiedener Materialien, deren gängige Definitionen wie Dichte bzw. Offenheit leichtfüßig in Frage gestellt werden.

Plattform des Dialoges ist die Wand, die den rahmenlosen Arbeiten eine weitere Aufgabe stellt. Hier müssen sie sich in ihrer geringen Größe nicht nur untereinander, sondern auch gegen die leere Fläche behaupten. Die Kleinheit lenkt bewusst alles Augenmerk auf die einzelnen Objekte, die auf stille Art von großer Wirkung sind. Brigitta Heidtmanns Werk wirkt erfrischend verspielt und emotional. Humor schwingt mit, wenn der Zwerg sich auf der gewaltigen Wand behaupten muss – und gewinnt.

Dr. Christian Krausch im Katalog "Feuerwerke" zum Künstlerinnenpreis NRW im Bereich Keramik 1999