brigitta heidtmann

KV Ebersberg „areale“

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23.02.2022 Kommentare geschlossen

(…) Während die kartografischen Landschaften“ von Michael Lukas sich als mehrschichtige Tableaus über die Wand erstrecken, erobern Brigitta Heidtmanns Arbeiten die Ausstellung mit raumgreifendem Gestus.

Die Krefelder Künstlerin untersucht das Ineinandergreifen von Linien, Flächen und Objekten, und wie diese sich auf den Raum beziehen. Die Offenheit der Grenzen, die Kommunikation des Werkes mit seiner Umgebung werden dabei ausgelotet. Umrisse und Zeichenstrukturen erscheinen in Verdichtung, Überlagerung, Schraffur bis hin zur räumlichen Ausprägung als freistehende Skulptur im Raum oder als eigenständiges Wandreliefs, wie die Radobjekte. Diese sind zugeschnitten auf die besondere räumliche Situation im Kunstverein und sind auch in Korrespondenz mit den Tableaus von Michael Lukas entstanden. Ausgangspunkt von Brigitta Heidtmanns Raumforschung ist die Zeichnung:

Diese erweitert sich in den Raum hinein: die Themen entstehen aus den künstlerischen Mitteln selbst heraus, sowie aus dem eigenen gespeicherten Formenwissen und – vokabular, das wiederholt und variiert wird. Hieraus ergeben sich: Einfachheit, Öffnung, Grenzziehung, Teilung/Mitteilung und die Beziehung der einzelnen Teile zum Ganzen im Raum,“ beschreibt die Künstlerin den eigenen Ansatz.

Aus einfachen Formen verdichten sich ihre Objekte zu offenen dreidimensionalen Konstruktionen, deren Teile aus geschichteten Holzplatten herausgesägt und zusammengesteckt werden. Der verwendete Werkstoff bleibt unbehandelt und beschreibt die Vielfalt der Möglichkeiten als Vorstufe zu etwas Fertigem. Absichtlich vermitteln die Werke dadurch den Eindruck des „Vorläufigen“, es haftet ihnen eine gewisse Modellhaftigkeit an. Arbeitsweise und Material sind Träger der Information an sich und legen den Werkprozess offen.

Die Motive werden überwiegend aus Kreis oder Oval entwickelt und stammen aus dem eigenen Repertoire der Künstlerin, das sie kontinuierlich erweitert und bezogen auf den jeweiligen Raum anpasst. Sie lassen an architektonische Formen denken. Wenn sie als Strebepfeiler aus der Wand wachsen oder sich als Kuppelsegment über den Boden spannen, verbinden sie sich mit dem Raum selbst. Brigitta Heidtmann generiert Zeichen aus vergangenen Arbeiten, welche durch Überlagerungen der Umrisse entstehen. Sie muten wie Piktogramme an.

Ihre Herangehensweise ähnelt der der kartografischen Disziplin. Aus einer Fülle an Originaldaten ist es ihre Aufgabe, die wichtigsten oder typischen auszuwählen, um sie dann als kartografische Zeichen, sogenannte Signaturen, für die Darstellung zu generalisieren. Die Veranschaulichung der Originaldaten, die Gestaltung und Anordnung der Signaturen müssen so ausgeführt werden, dass die zu vermittelnden Informationen leicht aufzunehmen und zu verstehen sind. Letztlich soll vom Originalraum ein Modell erstellt werden. Es geht darum, eine Vorstellung vom Original zu gewinnen, und die im Gedächtnis befindliche kognitive Karte zu erweitern oder zu korrigieren.

Hier knüpft Brigitta Heidtmann an, setzt ihre Objekte als zwei- und dreidimensionale Signaturen prägnant und präzise in den Raum. Inszeniert in rhythmischer Anordnung treten sie mit ihrer Umgebung und den Betrachtenden in Beziehung. Und trotz ihrer scheinbaren Unbeweglichkeit wirken sie dynamisch, so als ob sie sich gleich im nächsten Moment aus der Erstarrung losreißen wollten. Auch die Betrachtenden sind in Konfrontation mit den Arbeiten permanent in Bewegung. Voraussetzung dafür ist die Konzeption eines auf Allansichtigkeit hin ausgerichteten Werkes, das umschritten werden kann. Je nach Blickwinkel ändern sich die Silhouette und die Erfahrbarkeit der Einzelformen.
(…)

Stephanie Lyakine-Schönweitz, Kunsthistorikerin. Eröffnungsrede „areale“ 2019